China
Stimmen aus Wuhan (Folge 1): Rentner freut sich über Zeit mit Sohn
        
2020-02-05 07:46 | CRI

Ob in den sozialen Medien, in den persönlichen Chats oder im Fernsehen, im Radio und in den Zeitungen, ein Thema dominiert seit einiger Zeit die Nachrichten: das neuartige Coronavirus. In der Schweiz, Österreich und Deutschland gibt es keine oder sehr wenige Infektionen. Nichtsdestotrotz machen sich natürlich sehr viele Menschen Sorgen. Ängste sind nicht immer schlecht und es ist bestimmt nicht verkehrt, sich über Schutzmaßnahmen in seriösen Quellen zu informieren. Ein Grund zur Panik besteht wahrlich nicht: Man sollte nicht vergessen, dass sich Viren in den sozialen Medien viel schneller und dramatischer ausbreiten als in der Wirklichkeit.

In der zentralchinesischen Stadt Wuhan (Provinz Hubei), wo es im Dezember 2019 zum Ausbruch des Virus gekommen war, gibt es chinaweit und weltweit die meisten bestätigten Fälle, es sind inzwischen Tausende. Entsprechend drastisch sind und müssen die Schutzmaßnahmen vor Ort sein. Wie ist das Leben, wenn das Virus den Alltag tatsächlich bestimmt, viele Familien Erkrankte kennen oder einige sogar selbst betroffen sind? Wie sieht ein typischer Tag im Leben eines Wuhaners in diesen Tagen aus? Wie schätzen die Menschen im Epizentrum der Pandemie die Situation ein? Wie fühlen sie sich? Wir haben mit den Menschen gesprochen und veröffentlichen vom heutigen Tag an Erlebnisberichte über die Anfangszeit: Stimmen aus Wuhan.

In der ersten Folge erzählt uns Herr Gao über sein Frühlingsfest in Zeiten des Coronavirus. Der 67-jährige Rentner, der fast jeden Tag früh morgens draußen vor dem Wohnhaus spazieren geht, kann der Situation sogar etwas Positives abgewinnen - hier sein Bericht:

Am 21. und 22. Januar dieses Jahres bin ich mit meiner Frau noch spazieren gegangen. Damals hat niemand auf der Straße Maske getragen. Alles war ganz normal. Wir wussten noch nichts.

Am 23. Januar brach in meiner Stadt Wuhan plötzlich das Chaos aus, weil die Stadt abgeriegelt wurde. Masken waren kaum noch zu bekommen. Mein Sohn hat 30 Masken von seiner Fabrik mitgenommen. Er hat an diesem Tag viele Lebensmittel eingekauft. In der Nähe unserer Wohnung gibt es einen großen Supermarkt, in dem man alles kaufen kann. Aber am 23. Januar musste mein Sohn zu vier Supermärten fahren. Er hat drei Stunden gebraucht, um genug Gemüse und Obst zu kaufen. Immer gab es lange Schlangen. An diesem Tag gab es wirklich Panik! Fast alles war schnell ausverkauft, besonders das Gemüse.

Meine Familie wollte eigentlich am 26. Januar nach Thailand fliegen, aber am 24. hat mein Sohn alle Flüge abgesagt. Ich war sehr enttäuscht und meine Frau hat sogar lange geweint. Zum einen, weil wir uns seit Monaten auf diese Reise gefreut haben. Zum anderen ist mein Sohn immer beschäftigt und er kann sich nur in diesen Tagen während der chinesischen Frühlingsfest-Ferien frei nehmen. Naja, Gesundheit ist eben am wichtigsten. Wir machen unseren Urlaub später, hoffentlich noch in diesem Jahr.

Meine Familie ist seit dem 23. Januar zu Hause. Wir sehen fern, spielen Karten, lesen, singen und telefonieren mit Verwandten. Die Zeit vergeht auch ganz schnell. Am Abend singen wir auch am offenen Fenster mit Anderen im Wohnbezirk Lieder. Das macht viel Spaß! Was mir die größte Freude bereitet: Ich kann endlich viel und sogar stundenlang mit meinem Sohn plaudern. Normalerweise reden wir ganz selten. Als ich gestern mit meiner Frau in unserem Wohnbezirk in der unmittelbaren Nachbarschaft spazieren gegangen bin, war er auch dabei. Wir haben mit ihm über seine Arbeit, seine Freundin und seine Pläne für dieses Jahr geredet. Ich bin stolz auf ihn.

Am 27. Januar ist mein Sohn allein zum Supermarkt gegangen. Er trug Maske, Sonnenbrille und Mütze. Zuerst war er im großen Markt, in dem wir immer einkaufen. Aber die Öffnungszeiten sind auf 10 bis 17 Uhr verkürzt wurden. Und schon ab 16.30 Uhr darf nun niemand mehr rein, weil der Supermarkt jetzt jeden Tag desinfiziert werden muss. Mein Sohn war um 16:40 Uhr da, Pech gehabt. Deshalb ging er zu einem kleinen Supermarkt und kaufte 20 Eier für 20 Yuan RMB (Anm. d. Red.: etwa 2,6 Euro), eine große Flasche Öl für 70 Yuan RMB (etwa 9,2 Euro) und Nudeln für 60 Yuan RMB (etwa 9,2 Euro). Die Preise sind natürlich schon sehr gestiegen.

Ich beobachte jeden Tag meine Stadt vom Balkon: Es gibt auf der Straße fast niemanden. Ab und zu fahren nur zwei oder drei Autos vorbei. Wir waschen uns ganz oft die Hände, essen gesund und treiben auch jeden Tag Sport zu Hause. Normalerweise bin ich jeden Morgen mit meinen Freunden zum Park gefahren, um Tischtennis zu spielen, jetzt jogge ich manchmal am Abend im Wohnbezirk oder spiele mit meiner Frau Karten. Sie singt, liest und guckt oft Filme. Mein Sohn bleibt oft in seinem Zimmer – er faulenzt meistens, haha. Mal schauen, was in den nächsten Tagen so passiert. Aber wir glauben, dass das Virus bald beseitigt werden kann. Wir machen uns keine Sorgen.

In der morgigen Folge geht es sozusagen an die Front des Kampfes gegen das Virus, zu einer echten Heldin dieser Zeit, einer Krankenschwester in Wuhan.


 

Nils Bergemann 

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